HVS-Chronik

Busfahrt 1928 in den Thüringer Wald
Busfahrt 1928 in den Thüringer Wald

Die 100-jährige Geschichte unseres Vereins reicht von der Kaiserzeit über die Weimarer Republik, die Zeit des dritten Reiches bis in die Enstehungsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland und die Gegenwart. Zwei Weltkriege fanden in dieser Zeit statt. Die technischen Veränderungen in diesen 100 Jahren waren auf allen Gebieten sensationell. Vieles von dem, was für uns heute selbstverständlich ist steckte damals noch in den Anfängen, wie der Automobilbau, das Telefon oder die Fliegerei. Vieles war noch gar nicht erfunden oder entdeckt, wie Radio, Film, Fernsehen, Raumfahrt oder Computer und Internet.

Am Beginn des 20. Jahrhunderts ging eine Bewegung durch die Gesellschaft, die vor allem die Jugend erfasste. Die Reichsgründung lag mehr als 30 Jahre, also schon eine Generation zurück, junge Menschen organisierten sich als „Wandervogelbewegung“. Ziel dieser Gruppen war die Hinwendung zur Natur, das Erleben von Gemeinschaft und Geselligkeit außerhalb der erstarrten Konventionen einer kaiserlich geprägten Gesellschaft.

Vor diesem gesellschaftlichen Hintergrund spielte sich nun die Gründung unseres Vereines ab. Es waren junge Männer aus den beiden Sportvereinen von Niedermittlau, dem Turnverein 1892 und dem Fußballclub Alemannia 05, die sich am 10. Dezember des Jahres 1907 in der Gaststätte Schlegel zur Gründung des Humorvereins trafen.

Man wollte vor allem in den Wintermonaten, wenn keine sportliche Betätigung möglich war, Theatervorstellungen für die Dorfgemeinschaft aufführen. Die zwölf Gründungsmitglieder sind uns namentlich bekannt, es waren:

1. Friedrich Kauffeild, aus der Hauptstr. 79, er heiratete nach Hailer
2. Heinrich Hix, aus der Neugasse 7, verzog nach Offenbach
3. Heinrich Köhler, aus der Hauptstr. 10
4. Wilhelm Gutermann, Schulstr. 18 (vorher Neugasse)
5. Friedrich Wilhelm Schneider, Am Friedhof (später Hauptstr. 79)
6. Konrad Scheibelein, Neugasse 6
7. Karl Schlegel, Hauptstr. 51 (Vereinswirt)
8. Heinrich Schneider, Hauptstr. 9
9. Christian Goldbach, Neugasse 24
10. Karl Hofacker, Neugasse 27, heiratete nach Neuenhaßlau
11. Fritz Schneider, Heegstr.
12. Wilhelm Schnee, Hauptstr. 26 (der am längsten lebende Gründer, gest. 02.07.1975)

Vereinslokal wurde die Gaststätte Schlegel „zur Alten Dorfschänke“ in der Hauptstraße, sie blieb es auch bis zum Jahre 1988 über drei Generationen von Vereinswirten, die immer auch Mitglieder im Schwefelholz waren. Den Vorsitz übernahm Friedrich Wilhelm Schneider, der im Gründungsjahr 26 Jahre alt war. Er hatte diesen Posten bis zum Jahre 1960 inne. Die Länge seiner Amtszeit wird in Europa nur durch Königin Viktoria von England und Kaiser-Franz-Joseph von Österreich übertroffen. Ziel des Vereins war von Anfang an:

Die Förderung des Humors und der Geselligkeit

Man begann mit Theateraufführungen im Saal der Vereinsgaststätte auf einer kleinen Eckbühne, die Einwohner nahmen diese Bereicherung und Abwechslung des Alltages gerne an. Schon fünf Jahre nach der Gründung im Jahre 1912 begaben sich die Hölzer auf große Fahrt. Sie fuhren mit der Reichsbahn in die Hauptstadt Berlin. Bei ihrer Rückkehr wurden sie überwältigend empfangen.

Während des ersten Weltkrieges ruhte das Vereinsleben, umso größer war die Freude darüber, dass alle Hölzer wieder zurückkehrten. Der Verein nahm dann während der Weimarer Republik einen regen Aufschwung. Viele neue Mitglieder traten dem Verein bei.

Die Theateraufführungen wurden alljährlich gepflegt, hinzu kamen jetzt auch Couplet-Vorträge, die Otto-Reuter-Couplets waren in den 20-er und 30-er Jahren beliebt und bekannt.

In dieser Zeit fanden auch große Ausflüge des Vereins statt. Man erkundete per Bahn oder Bus und auch zu Fuß die Heimat. Reiseziele waren unter anderem, der Schwarzwald, Die Lahn, Würzburg, die Edertalsperre, Thüringen mit Wartburg. Die letzte Fahrt vor Beginn des dritten Reiches fand im Jahre 1932 statt.

Frühe Fahrt 1932
Frühe Fahrt 1932

In den 20-er Jahren wurde auch die Satzung, wie wir sie heute noch kennen, endgültig formuliert. Die wichtigsten Punkte dieser Satzung sind:

1. Mitglied beim HVS kann nur werden, wer das 21. Lebensjahr vollendet hat, verheiratet ist und mindestens 1 Jahr als Zögling dem Verein angehörte.

2. Bei Eintritt in den Verein muss die Ehefrau schriftlich ihr Einverständnis erklären.

3. Jedes neue Mitglied wird auf die Satzung des Vereins vereidigt.

4. An jedem 11. eines Monats findet eine Vereinsversammlung statt. Die Teilnahme ist für jedes Mitglied Pflicht

Vereidigung
Bild von einer Vereidigung

In der Zeit von 1933 bis 1945 – dem 1000 jährigen Reich – war der Humorverein Schwefelholz verboten. Humor und Frohsinn im Geiste der Schwefelhölzer passten nicht zum geforderten gleichgeschalteten Zeitgeist.

Nach 1945 begann eine neue Epoche des Vereins. Wieder waren alle Hölzer aus dem Weltkrieg zurückgekehrt und der Verein organisierte sich neu.

Als Schlüsseljahr muss man das Jahr 1949 bezeichnen. Im ersten Jahr nach der Währungsreform fand am Kerbmontag das erste Schubkarren-Rennen auf der Hauptstraße statt. Die Bevölkerung nahm diese neue Attraktion mit Begeisterung auf, über den Orts-Funk wurde der Rennverlauf ins gesamte Dorf übertragen. Der Verein hat diese Veranstaltung seither ununterbrochen am Kerbmontag durchgeführt, nur einmal musste wegen starken Regens der Renntag auf den Nach-Kerb-Sonntag verschoben werden. Der Erlös des Renntages ist für die Kindergärten und die Schule der Gemeinde bestimmt. Die Schubkarren mussten anfangs noch ausgeliehen werden. Inzwischen ist der Verein jedoch durch testamentarische Verfügungen stolzer Besitzer von drei luftbereiften TÜV geprüften Schubkarren.

Schubkarrenrennen
Schubkarrenrennen auf der Hauptstraße - noch mit eisenbeschlagenen Karren

Im nächsten 11-ten nach dem Schubkarrenrennen wurde am 11.11.1949 der erste Elferrat für eine Karnevalskampagne proklamiert. Als erster Sitzungspräsident bestieg Prinz Georg Sahler den närrischen Thron. Die ersten beiden Sitzungen fanden dann am 04. und 19. Februar 1950 im Saal des Gasthauses „zur Krone“ statt.

Kampagneeröffnung mit Georg Sahler
Kampagneeröffnung mit Georg Sahler

Die Sitzungen entwickelten sich zu Höhenpunkten der närrischen Zeit für Niedermittlau und bald auch für die nähere und weitere Umgebung.

Der Verein erhielt wieder großen Zustrom von jungen Mitgliedern, die sich an der Durchführung der Sitzungen bestens beteiligten.

Schon zu Beginn der Karnevalsepoche hatten wir freundschaftliche Beziehungen zu vielen anderen Vereinen, wie den Schelmen und den Käwwern aus Gelnhausen, der Dettinger Eule und dem Karnevalsverein aus Dudenhofen. Für die Altenhaßlauer Vereine Haselnüß und Fidelio standen die Schwefelhölzer mit Pate bei deren Gründung.

Im Jahre 1953 gründete sich aus dem Verein eine Mandolinengruppe, die anfangs mit ca. 20 Spielern unter der Leitung von Hermann Biasizzo schöne Erfolge erzielte.

Mandolinengruppe
Mandolinengruppe

Die Mandolinengruppe spielte auch bei vereinsinternen Feiern und Ständchen und bei den Ausflügen, die seit 1953 wieder durchgeführt wurden auf.

Ausflug 1953 Rhein
1. Ausflug nach dem Krieg 1953 an den Rhein

Im Laufe der Zeit schrumpfte diese Abteilung jedoch, so dass die Besetzung für ein Konzert zu schwach wurde. 1964 schlossen sich die Mandolinenspieler dem Verein für Volksmusik in Lieblos an.

Von 1953 bis 1956 war Fritz Karrach Sitzungspräsident der Schwefelhölzer. Im folgte von 1957 bis 1978 Willi Reußwig.

Mit einem großen Fest wurde im Jahre 1957 das 50-jährige Bestehen des Vereins gefeiert. Das Festzelt stand damals auf „Schlegel´s ihrer Wies“ vor dem Kleinbahndamm. An diesem Fest konnten noch einige der Gründer teilnehmen.

Verein 1957
Verein 1957 zum 50-Jährigen

Von 1960 bis 1968 übernahm Karl Born den Vorsitz des Vereins. Von 1968 bis 1971 lag der Vorsitz in den Händen von Heinrich Ost.

Auch das 60 jährige Bestehen wurde 1967 mit einem Zeltfest gefeiert. Der Festplatz war auf dem inzwischen bebauten Gelände zwischen Hopfengarten und Jägerbuschstraße. Als Stargast trat Willi Hagara innerhalb eines „Bunten Abends“ auf der Bühne in Niedermittlau auf.

Ab dem Jahre 1968 wurden wieder jährlich wiederkehrende Ausflüge des Vereins durchgeführt. Die Fahrten führten mehrfach in die Alpen, insgesamt dreimal war der Verein in Wilderswil in der Schweiz zu Gast. Höhepunkte dieser Touren waren sicherlich die 8-tägige Fahrt nach Italien mit dem Besuch von Florenz, Rom und der Insel Capri sowie die mehrtägigen Fahrten in die Provence und nach Ungarn. Bei einer Fahrt mit dem Luftkissenboot vor Monaco war der Verein buchstäblich vom Untergang bedroht. Die Teilnehmer dieser Abenteuerfahrt legten ein Gelübde ab, zeitlebens nie wieder ein solches Luftkissenboot zu betreten. Im Jahr der Wende besuchte der Verein im Mai 1989 die Bundeshauptstadt Berlin.

Von 1971 bis 1991 war Willi Schneider Vorsitzender des Vereins. Im Jahre 1973 gab es wegen großer Nachfrage erstmals drei Fremden-sitzungen während einer Kampagne.

Verein 1975
Verein 1975

Ein neuer Einschnitt in das Vereinsleben war das Jahr 1977. Der Verein zog mit seinen Fremdensitzungen in die neu errichtete Mehrzweckhalle um und führte erstmals vier Sitzungen durch. Im Sommer wurde ein großes Fest zur Feier des 70-jährigen Bestehens durchgeführt. Es war das bis jetzt letzte Zeltfest der Schwefelhölzer. Standort des Zeltes war der Platz hinter der neu errichteten Mehrzweckhalle. Beim „Bunten Abend“ traten die Geschwister Leismann auf. Am Festsonntag wurde ein sehr gut besuchtes Garde-Tanzfestival durchgeführt.

Im Jahre 1979 übernahm Willi Schneider auch die Funktion des Sitzungspräsidenten, er hatte dieses Amt bis zum Jahre 1988 inne.

Das 75-jährige Bestehen des Vereins im Jahre 1982 wurde mit einem „Bunten Abend“, der von den Schwefelhölzern selbst gestaltet wurde gefeiert. Die Gesangsgruppe führte jetzt Gerhard Reber, aus der Schweiz waren Freunde aus Wilderswil mit ihren Alphörnern angereist. Eine weitere Besonderheit war der erste öffentliche Auftritt der neu gegründeten Tanzgarde.

Tanzgarde 1982
Tanzgarde 1982

Ab der Kampagne 1983 gehörte die Tanzgarde zum festen Bestandteil des Sitzungsprogrammes. Im Laufe der Jahre kamen Kinder- und Jugendgarden hinzu. Aus allen diesen Tanzgruppen entstand im Jahre 1991 als Ableger vom Humorverein ein eingenständiger Verein, der Tanzsportclub Schwefelholz. Im Jahre 1982 wurde auf Initiative des damaligen Bürgermeisters Bodo Käppel eine Seniorensitzung in das karnevalistische Programm aufgenommen. Diese zusätzliche Sitzung findet traditionell am Sonntag nach der Eröffnungssitzung statt und erfreut sich bei den Senioren der drei Ortsteile größter Beliebtheit. Zur ersten Seniorensitzung hat sich auch eine Tanzformation von Schwefelholzfrauen gegründet, die als das „Hummelballett“ in die Geschichte des Vereins eingingen.

Hummelballett
„Hummelballett“ als Hollandmädels

Das Jahr 1988 brachte wieder weitreichende Veränderungen mit sich, der Verein suchte sich nach der Schließung des Vereinslokales „zur Alten Dorfschänke“ als neues Vereinslokal die Gaststätte „zur Grünen Au“. Der erste 11 te im neuen Vereinslokal wurde im September 1988 abgehalten. Nach alter Tradition wurde der Wirt der grünen Au auch postwendend Mitglied des Vereins.

Schlegel's
Letzte Versammlung in der ehemaligen Vereinsgaststätte „Schlegel´s“

Auf der Jahreshauptversammlung am 11.04.1988, noch im Gasthaus Schlegel, wurde als Nachfolger von Willi Schneider als Sitzungspräsident sein Sohn Gustav Schneider gewählt.

Die Schwefelhözer beteiligen sich seit 1978 an den gemeinschaftlichen Männer- und Damensitzungen der Karnevalsvereine aus dem Altkreis Geln-hausen. Im Jahre 1982 wurden diese Veranstaltungen vom Schwefelholz in der Meerholzer Kultur- und Sporthalle durchgeführt. Sitzungspräsidenten waren Willi Schneider bzw. Gretel Sonneberg. In den Jahren 1994 und 2003 wurden diese Sitzungen in der Niedermittlauer Friedrich Hofacker Halle abgehalten. Sitzungspräsidenten waren jeweils Gustav Schneider und Anita Patzke.

Im Jahre 1991 übernahm Dr. Gustav Ost jr. Den Vorsitz des Vereins und es wurde wie schon erwähnt der Tanzsportclub Schwefelholz gegründet.

1997 wurde das 90-jährige Jubiläum des Vereins mit einem Kommersabend begangen. Erstmals trat in dieser Kampagne ein Männerballett auf den Sitzungen auf. Eine neue Gruppe aus jungen Niedermittlauern, die sich den Namen „Meddeler Feger“ gaben war geboren.

Im Jahre 2003 fanden die Sitzungen zum letzten Mal in der alten Friedrich Hofacker Halle statt. Die Halle erhielt den großen Anbau und im Jahre 2004 konnten wegen der Bauarbeiten keine Veranstaltungen durchgeführt werden.

Am 15.01.2005 fand dann die erste Fremdensitzung in der neuen Halle, auf einer wunderbar großen Bühne statt.

Neue Halle
Erstes Bühnenbild in der neuen Halle 2005

Die Karnevalskampagne ist zwar das entscheidenste Ereignis eines Jahres beim Schwefelholz, aber das Vereinsleben besteht darüber hinaus aus einer Vielzahl von vereinsinternen Terminen. So findet nach jeder Sitzungskampagne das gemeinsame Heringsessen in der Halle statt. Neben den Vereinsausflügen führt der Verein fast jedes Jahr eine Wanderung in die nähere Heimat durch. Als Nachfolge der „Familienabende“ aus der Frühzeit des Vereins werden heute Grillfeste im Sommer und Nikolausabende in der Adventszeit durchgeführt. Ehrensache ist der Besuch bei Mitgliedern zu grünen, silbernen und goldenen Hochzeiten. Hier singen wir das von den Alten übernommene Lied: “Mir gefällt das Eh´standsleben“ und spätestens beim Vortrag dieses gefühlsbeladenen Liedes mit seiner schweren Melodie kommen auch den härtesten unter den Feiergästen Tränen der Rührung und die Schwefelhölzer müssen stets eine Zugabe zu Gehör bringen.

Die Geschichte des Vereins verlief in den vergangenen 100 Jahren nicht immer nur reibungslos, wie es vielleicht aus der geschilderten Chronik zu vermuten wäre. Es gab auch gelegentlich Differenzen und verschiedenste Ansichten sowie Brüche mit Trennungen von Mitgliedern aus mannigfachen, eben menschlichen Gründen. Stets ist es aber dem Verein, seiner Führung und seinen Mitgliedern gelungen auch turbulentes Fahrwasser zu durchfahren und aus Krisen sogar gekräftigt hervorzugehen. Durch gegenseitigen Respekt, Akzeptanz und Toleranz unterschiedlicher Charaktere ist im Verein das gewachsen, was mit dem Begriff „Geist der Schwefelhölzer“ in etwa zu beschreiben ist.

Als sich unser Verein vor 100 Jahren gründete war er eine Bereicherung des Dorflebens, weil es noch keine Unterhaltung durch Radio, Kino oder Fernsehen gab. Heute, vier Generationen später, gibt es eher ein Übermaßt an Unterhaltung durch alle Medien. Umso wichtiger ist das Angebot der Schwefelhölzer mit lebendigen Narren auf unserer Bühne gemeinsam Frohsinn und Geselligkeit zu erleben. Möge der Verein in diesem Sinne noch viele Jahrzehnte wirken und unbeirrt an einer Losung aus der Gründerzeit festhalten, die aus dem Rütli-Schwur des Wilhelm Tell entnommen wurde:

„Drum lasst uns sein ein einig Volk von Brüdern,
in keiner Not uns trennen und Gefahr.“